Institut für Vegetationskunde, Ökologie und Raumplanung
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Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben: Renaturierung der Berkel

Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchung

Mit dem Verfall der wilden Uferbefestigungen setzte eine eigendynamische, leitbildgemäße Entwicklung der Gewässerstruktur ein, die sich vor allem in einer ausgeprägten Krümmungs- und Breitenerosion mit zahlreichen Uferabbrüchen und –auflandungen sowie Laufaufweitungen vor allem an Sturzbäumen ausdrückte. Diese Entwicklung ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Dies gilt auch für die spontane Ansiedlung von Ufergehölzen. Zwar sind an mehreren Stellen im Flussverlauf Schwarz-Erlen, Eschen und Weiden aufgekommen, doch wird bis zur Ausbildung eines durchgehenden und geschlossenen Ufergehölzstreifens noch einige Zeit vergehen.

Durch die Zerstörung bzw. Ausschaltung von Entwässerungseinrichtungen im Gebiet konnten größere Bereiche der Aue wiedervernässt werden. Infolgedessen breiteten sich hier Pflanzengesellschaften der feuchten und nassen Standorte auf mehr als das Doppelte ihrer ursprünglichen Fläche aus. Hierbei handelte es sich vor allem um Rohrglanzgras-Röhricht, in geringerem Maße auch Schilf-Röhricht, sowie Kriechrasen-Gesellschaften und Staudenfluren der Ordnung Convolvuletalia. Auf den grundwasserferneren Böden entwickelten sich Brachestadien unterschiedlichster Zusammensetzung, unter denen Bestände mit Dominanz der Großen Brennessel den flächenmäßig größten Anteil besaßen. Die Zahl der Farn- und Blütenpflanzen und die Anzahl der gefährdeten Pflanzenarten nahm im Untersuchungszeitraum ständig zu.

Eine spontane Entwicklung von Auwäldern ließ sich nur in Ansätzen nachweisen. Nur vereinzelt haben sich Gehölze angesiedelt. Vermutlich erschwert vor allem die dichte Vegetationsdecke den spontanen Gehölzaufwuchs erheblich. Auch der Aufwuchs der Initialpflanzungen wurde durch einen extrem heißen und trockenen Sommer im Jahr nach der Pflanzung sowie durch Wildverbiss behindert. Gegen Ende des Untersuchungszeitraumes traten die Gehölzgruppen zwar deutlicher gegen die übrige Vegetation hervor, doch wird auch hier die Entwicklung zum Wald noch mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Die durchgeführten Maßnahmen haben sich auf die Vogelwelt positiv ausgewirkt. Innerhalb des Untersuchungszeitraums stieg die Zahl der Brutvögel stetig an. Zugleich zeigten die insgesamt registrierten Reviere bzw. Brutpaare einen sehr starken Zuwachs. Unter den insgesamt 123 im E+E-Abschnitt registrierten Vogelarten befinden sich alleine 55 bemerkenswerte Arten (Brut- und Gastvögel), die entweder in der Roten Liste Nordrhein-Westfalens geführt werden oder zumindest regional weniger häufig sind. Einige dieser Arten nutzen das Untersuchungsgebiet mehr oder weniger regelmäßig, andere nur sporadisch. Aus naturschutzfachlich-ornithologischer Sicht kommen der Nutzungsaufgabe in Teilabschnitten der Aue, der Wiedervernässung und der natürlichen Sukzession eine besondere Bedeutung zu. Die Ausbildung neuer, z.T. eng mosaikartig vernetzter Pflanzengesellschaften anstelle des vorher vorhandenen, i.d.R. struktur- und artenarmen Grünlands führte zu einem erhöhten Nischenangebot. Hierauf reagierten einige schon im Untersuchungsgebiet vorhandene Arten wie Teichrohrsänger, Dorngrasmücke, Buchfink und Zaunkönig mit einem – teilweise erheblichen - Populationszuwachs. Andererseits konnten andere hoch spezialisierte Arten das Untersuchungsgebiet neu besiedeln bzw. wieder besiedeln (z.B. Rohrweihe, Wasserralle).

Auch die Amphibienfauna hat sich insgesamt positiv entwickelt. Mit Berg- und Teichmolch konnten ab 1995 zwei neue Arten festgestellt werden. Grasfrosch und Erdkröte kommen in beachtlich großen Populationen vor.

Die Gebänderte Prachtlibelle profitiert von der kontinuierlichen Optimierung der Gewässerstruktur der Berkel und der natürlichen Entwicklung der Aue. Höchste Abundanzzunahmen wurden dort verzeichnet, wo die meisten Extensivierungsmaßnahmen umgesetzt wurden, vor allem die Umwandlung von Weidegrünland in Flächen mit ungelenkter Sukzession. Hier entfallen Eutrophierungseinflüsse und Beeinträchtigungen der Vegetation durch Tritt und Verbiss der Rinder. Zudem entstand durch die Sukzession ein z.T. kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Staudenfluren, die – im Gegensatz zum intensiv genutzten Grünland – als neue (Jagd-)Habitate zur Verfügung stehen. Des Weiteren hat sich die Ausweisung eines durchgängig ungenutzten Uferstreifens als positive Maßnahme erwiesen. Durch die Entwicklung von bachbegleitenden Röhrichten und Hochstaudenfluren entstanden vielfältige Nischen mit vertikaler Schichtung sowie unterschiedlicher Sonneneinstrahlung und Feuchtegradienten. Durch die wiedererlangte Eigendynamik der Berkel wurden zudem die vermehrte Ausbildung von Uferabbrüchen und –strukturen, die Ansammlungen von Totholz (u.a. Sturzbäume) und Substratumlagerungen im Gewässerbett ermöglicht, die wiederum den Larven der Prachtlibelle auf Grund der nun reicheren Gewässerstruktur bessere Lebensbedingungen bieten.

Mit einer ausgesprochen positiven Bestandsentwicklung hat die Kurzflügelige Schwertschrecke auf die Maßnahmen in der Aue reagiert. Durch die Extensivierung und die Wiedervernässung in Verbindung mit freier Sukzession entstanden zahlreiche für die Schwertschrecke geeignete Flächen, die teilweise sehr schnell und großflächig besiedelt wurden. Vor allem frühe Sukzessionsstadien mit hohen, feuchtigkeitsgebundenen krautigen Vegetationsbeständen übten einen starken Attraktionswert auf die spezialisierte Heuschreckenart aus.

Für die Laufkäfer erwiesen sich die eigendynamische Entwicklung der Berkel und die damit entstandene Habitatvielfalt, insbesondere die offenen, sandigen Ufer im unteren Böschungsbereich als ökologisch besonders wertvoll. Sie werden von einer lebensraumtypischen Zönose mit hoch spezialisierten, seltenen und gefährdeten Arten besiedelt. Auch die nach Aufgabe der Grünlandnutzung und Wiedervernässung aufkommenden dauernassen, langfristig überstauten baumfreien Nassstandorte mit unterschiedlichen Röhricht- und Staudengesellschaften entwickelten sich bereits nach wenigen Jahren als Lebensraum für eine artenreiche, auentypische Laufkäfer-Gemeinschaft mit naturschutzfachlich und ökologisch bemerkenswerten Arten. (zurück)
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